Steven Patrick Morrissey wird 60: Irgendwo zwischen Genie und Provokateur

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Steven Patrick Morrissey schrieb als Sänger von „The Smiths“ Musikgeschichte und ist seit vielen Jahren als Solokünstler erfolgreich. Der exzentrische Engländer ist ein überzeugter Kämpfer für Tierrechte, fiel in den letzten Jahren aber auch mit rassistischen und rechtspopulistischen Aussagen auf. Am heutigen Mittwoch wird er 60 Jahre alt.

Der Jugend gehöre die Welt, sagte Oscar Wilde einst, „im mittleren Alter hat man nur noch Verpflichtungen. Im Alter landet man in der Abstellkammer des Lebens.“ Gut möglich, dass Morrissey am heutigen Mittwoch an diesen Spruch gedacht hat.

Schließlich wird der Engländer, der mit vollem Namen Steven Patrick Morrissey heißt, 60 Jahre alt. Und Oscar Wilde nannte der Sänger der legendären Indie-Rock-Band „The Smiths“ stets als einen seiner größten Einflüsse.

Wie der im 19. Jahrhundert lebende irische Dichter ist auch Morrissey ein Exzentriker. Ein großartiger Sänger und Songwriter, laut, extravagant und zugleich zutiefst melancholisch.

Er ist ein überzeugter Kämpfer für Tierrechte, bereits im Alter von 11 Jahren wurde er Vegetarier. Und er ist ein Mann, für den Frauen und Männer schwärmen, der aber im selbstauferlegten Zölibat lebt und über dessen Sexualität seit Jahrzehnten gerätselt wird.

Morrissey ist ein Schöngeist, ein moderner Dandy, der wie die Künstler des Fin-de-Siecle den Glauben an die Menschheit verloren zu haben scheint. Und der nicht selten mit menschenverachtenden Bemerkungen auffällt, der rechtsextreme Parteien lobt und mit rassistischen Aussagen in Interviews seine Fans verschreckt.

„Wir leben in einer mörderischen Welt, wie der Vorfall in Norwegen zeigt. Aber das ist nichts, verglichen damit, was jeden Tag bei McDonald’s und Kentucky Fried Shit passiert.“ (Morrissey bei einem Konzert in Warschau am 24. Juli 2011, zwei Tage nachdem Anders Breivik auf der Insel Utoya 77 Menschen erschoss)

Rechtspopulistische Ansichten verschrecken viele Fans

Vor allem wenn es um Tierschutz geht, schießt Morrissey häufig über das Ziel hinaus. Im Interview mit dem „Guardian“ nannte er Chinesen aufgrund ihres Umgangs mit Tieren eine „Unterart“ des Menschen.

Aber auch seine Äußerungen zum politischen Geschehen sind fragwürdig, im „Spiegel“ bezeichnete er 2017 Berlin als „Vergewaltigungshauptstadt“ und führte Angelas Merkels Flüchtlingspolitik als Grund dafür an. Wenig später widerrief er seine Aussagen und behauptete, falsch zitiert worden zu sein, woraufhin der „Spiegel“ den kompletten Interviewmitschnitt veröffentlichte.

Morrissey befürwortet den Brexit, er hasst Politiker im Allgemeinen und das britische Königshaus im Besonderen. Londons Bürgermeister Sadiq Khan unterstellte er, nicht richtig Englisch zu können.

Er verteidigte Harvey Weinstein und Kevin Spacey im Rahmen der #MeeToo-Debatte. Und am Ende fühlt er sich immer missverstanden, vor allem von den „verrückten Linken“ und der Presse. Alles in allem decken sich seine Aussagen und Ansichten mit denen von Europas Rechtspopulisten, was in den letzten Jahren teilweise zu einer Entfremdung von seinen Fans führte.

Als Kind und Jugendlicher ein Außenseiter

Große Hallen füllt der Solo-Künstler Morrissey aber trotzdem, was an seinem bemerkenswerten Talent als Sänger und Songwriter liegt. Die Wurzeln für die außergewöhnliche Karriere liegen im Großraum Manchester, wo „Mozzer“ am 22. Mai 1959 geboren wurde.

Die Mutter, eine Bibliothekarin, vermittelte ihm die Liebe zur Literatur, schon früh las er die Werke von Wilde und Shakespeare. In der Schule war er aber ein Außenseiter und Einzelgänger, er schluckte Antidepressiva und Schlafmittel.

Eine entscheidende Wende nahm Morrisseys Leben, als er 1982 Johnny Marr traf. Mit dem Gitarristen gründet Morrissey „The Smiths“, Bassist Andy Rourke und Schlagzeuger Mike Joyce komplettierten die Band, die zwar nur fünf Jahre bestehen, aber eine ganze Generation von darauffolgenden Künstlern beeinflussen sollte.

James Bradfield von den „Manic Street Preachers“ etwa bezeichnete „The Smiths“ als die „Beatles der 80er“, auch „Radiohead“, „Oasis“ oder „The Muse“ nennen die Band als wichtigen Einfluss.

Morrissey sang über Außenseitertum und gesellschaftliche Missstände, traurige, aber auch ironische Texte, kombiniert mit wunderschönen Melodien. Der Song „Meat is Murder“ machte 1985 zehntausende junge Briten zu Vegetariern, als dies noch lange kein Trend war.

Das Alter spielt für Morrissey keine Rolle

Vier Alben und 74 Songs, die vermutlich fast alle auch als Single hätten erscheinen können, sind das Vermächtnis der Band. 1987 erfolgte die Trennung, weil Morrissey und Marr musikalisch in andere Richtungen tendierten.

Legendär waren auch die Live-Auftritte der Band, bei denen Morrissey die Fans mit seinem eigenwilligen Tanzstil begeisterte und ganz im Stil seines Idols Oscar Wilde mit Nelken und Gladiolen in der Hand und der Hosentasche auftrat und von seinen Fans auch regelmäßig Blumen zugeworfen bekam. Seine Extravaganz hat er sich bis heute bewahrt.

„Dein Alter sollte dich nicht beeinflussen. Du bist entweder wunderbar oder langweilig, egal wie alt Du bist.“ (Morrissey im Telegraph)

Zehn Soloalben hat „Moz“ mittlerweile veröffentlicht und in der von Wilde zitierten „Abstellkammer des Lebens“ sieht er sich noch lange nicht. Sicherlich wird von Morrissey noch einiges zu hören sein, er wird begeistern, provozieren, erschrecken und polarisieren. Nichts anderes sind wir von dem Mann aus Manchester gewöhnt.

Verwendete Quellen:

  • www.nme.com: „Morrissey“
  • www.nme.com: „Morrissey’s Autobiography – 10 Fascinating Revelations“
  • www.spiegel.de: „Die Person, die als Opfer bezeichnet wird, ist lediglich enttäuscht“
  • www.theguardian.com: „When did charming become cranky? Why a middle-aged Morrissey is so hard to love“
  • www.laut.de: „Morrissey“
  • www.laut.de: „The Smiths“